Der Marsch für gleiche Rechte in Kiev hat stattgefunden – ein Sieg für die Menschenrechte (Tag 5)

25. Mai 2013

Obwohl die Nacht sehr spät endet  (den Candy Club Bericht hole ich nach, noch bin ich zu aufgewühlt für diesen Teil) müssen wir um 7 Uhr morgens bereits aufstehen. Wir ziehen zwei verschiedene Klamotten übereinander an, gehen nochmal die Sicherheitsanweisungen durch, packen Zitronen und Essig (gegen Reizgas und Pfefferspray) ein und machen uns auf den Weg zum vereinbarten Treffpunkt. Ab sofort versuchen wir, nur noch in gemischtgeschlechtlichen Gruppen unterwegs zu sein. An einem Samstag Morgen um 8 Uhr ist die Stadt noch ziemlich leer, die Öffentlichkeit, die wir gerne hätten wird es womöglich nicht geben. Aber wir wissen ja auch  immer noch nicht, wo den nun der gay pride stattfinden soll.

In der Nähe des President Hotel (das ist der Treffpunkt) fallen uns verstärkt herumstehende ältere Männer in Zivil auf und fotografieren und filmen. Wir fragen uns ob das Rechtsradikale oder Zivilpolizisten sind. Diese Frage können auch unsere Freunde hier nicht wirklich beantworten. 6 kleine Busse mit jeweils Platz für 15 Personen stehen bereit, die ersten 3 sind für die ausländischen Delegationen. Unsere Stadträte treffen auch ein und der SPD-Abgeordnete meint lakonisch, das erinnere ihn die erste Demo von Frauenrechtlerinnen vor 100 Jahren in München, die Kutschen benutzten, um nicht direkt angegriffen werden zu können. Um 8.30 werden wir gebeten, in die Busse zu steigen. Dort bekommen wir erste Sicherheitsanweisungen von den Volunteers: die Vorhänge des Busses zumachen, damit man von aussen nicht hineinsehen kann. Dann eine längere Einweisung: gemischtgeschlechtliche Paare bilden, immer aufeinander aufpassen usw. usf. Und dann warten wir, was passieren wird. Und warten und warten. Die Anspannung steigt ins Unerträgliche. Um 9.15 geht’s dann los. Ich sitze im allerersten Bus. Vor uns eine Polizeistreife, dann der Konvoi und dann nochmal eine Polizeistreife (beide übrigens mit Blaulicht aber ohne Sirene). Nach einigem Herumfahren sind wir immer noch “downtown” also im Demoverbotsbereich und bemerken, dass wir anscheinend zick zack fahren. Ab jetzt haben wir das Gefühl, dass es der Polizei mit unserer Sicherheit ernst zu sein scheint. Die Fahrt dauert gar nicht so lange wie gedacht und ich beobachte irritiert, dass sich die Polizeistreife plötzlich absetzt. Wollen sie uns doch nicht schützen? Dann sehe ich vor uns den Grund: an einer langen Allee stehen Unmengen von schwerbewaffneten Polizisten in Vollmontur und behelmt (es sollen ca 1000 sein) und gleich zu Beginn eine ziemlich große “Gegendemonstration”, ein regelrechter Aufmarsch von Ultraorthodoxen und Rechtsradikalen. Da wir so schnell daran vorbei fahren, kann man die Zahl nicht genau einschätzen, aber es sind wohl weit über 1000, möglicherweise mehrere Tausend – Na Prost Mahlzeit!

Viel Zeit zum Nachdenken bleibt aber nicht, denn jetzt merken wir auch, warum die Polizeiwägen vorher abgebogen sind. Die Rechten sollen nicht merken, dass wir gerade ankommen. Wir fahren an mindestens 40 Polizeiwannen vorbei als rechts eine Lücke frei wird in die wir einbiegen und aufgefordert werden, schnellstmöglich auszusteigen. Dann nach rechts in den Schutz der Polizeiwannen zurücklaufen und in Fünferreihen aufstellen. Alles ist ein wenig konfus, zumal es anfänglich zu Verständigungsproblemen zwischen unseren Securities und uns kommt. Immer noch frage ich mich, ob das hier alles wirklich Sinn macht, eingekesselt von Polizeiwannen links und einem Zaun/einer Mauer rechts, ohne jegliche Bürger der Stadt. Auf einmal rennt ein Pulk von Journalisten auf uns zu. Was sage ich, Pulk – es sind genauso viele wie wir selbst. Schnelle Einschätzung: ALLE sind da, nicht nur die internationale Presse, sondern ALLE Fernseh- und Radiostationen des Landes, auch die staatlichen. Die Nervosität steigt. Zufällig bilden wir zu dem Zeitpunkt genau die erste Reihe, vor uns gibt einer der Pride Organisatoren ein Interview in die Massen laufender Kameras. Solche Bilder kenne ich eigentlich nur aus dem Fernsehen von Treffen höchster Politiker oder Pressekonferenzen bei Fussball-Welt- und Europameisterschaften. Und plötzlich blicke ich selbst in all diese Kameras. Die Journalisten gehen in alle Richtungen und fangen an, uns zu interviewen. Fast jede/r kommt zu Wort, wir sind ja nicht so viele. Wir entrollen unser mitgebrachtes Transparent und versuchen immer noch, uns ein Bild davon zu machen, was hier jetzt genau passieren soll. Weil wir ohnehin in Alarmstimmung sind beobachten wir auch die anwesenden Journalisten und hier sind offensichtlich einige darunter, die es gar nicht gut mit uns meinen. Können wir der Polizei wirklich trauen? Wie lange wird es dauern, bis der rechtsradikale Mob näher kommt?

Plötzlich tickt ein sehr reaktionär aussehender Mann (neben ihm eine alte Frau, die garantiert keine Journalistin ist) aus und rennt schreiend auf uns zu und fängt an, uns die Transparente aus der Hand zu reissen. Es dauert ein wenig bis die schwer behelmten Polizisten dazwischen gehen und ihn festnehmen. Wir stehen immer noch und warten. Worauf? Auf den Abmarsch? Darauf wieder unverrichteter Dinge abzuziehen? Plötzlich kommt noch eine Ladung Busse an. Aus ihnen springen weitere Teilnehmerinnen. Diesmal alle aus der Ukraine. Sie sind anscheinend über andere Wege antransportiert worden. Jetzt sind wir dann doch so 120-150 Menschen. Und dann noch mal ein Bus: die Diplomaten. Die holländische Botschafterin begrüsst uns mit einem “Hello Munich” und reiht sich mit ihrem französischen Kollegen flugs ein. Selbst dem Vertreter der deutschen Botschaft, der eigentlich gesagt hat, er werde zwar da sein, dürfe aber nicht selbst mitmarschieren, bleibt nichts anderes übrig als sich seinen Kollegen anzuschliessen. Wir fühlen uns jetzt ein wenig sicherer, der Skandal wäre tatsächlich enorm, wenn die Polizei nicht in der Lage wäre uns zu schützen. Weitere Interviews und Fernsehkameras. Ein nationalistischer Reporter brüllt dauernd: “wo sind die Ukrainer, wo sind die Ukrainer?”. Wir versuchen dem Vorwurf, das sei alles vom Ausland gesteuert, entgegenzuwirken, indem wir immer wieder betonen, dass es hier um die Menschenrechte geht und dass die überall angewandt werden müssen. Wir versuchen aber auch, die Kritik immer halbwegs positiv zu formulieren, also dass wir denken, dass das hier auch alles werden kann und dass wir genau deswegen da stehen weil wir optimistisch für die Zukunft sind und dass wir uns v.a. gegen die Verletzung von Menschenrechten wehren.

Damit nicht ein falscher Eindruck ensteht, werden vor uns jetzt noch 4 Reihen Ukrainer/innen aufgestellt. Sofort entspannt sich die Stimmung zumindest bei den Presseleuten, die in der Mehrheit freundlich bis objektiv wirken. Dann werden Parolen gerufen: Human Rights – Our Pride! Wir marschieren los. Plötzlich rennt wieder so ein Wahnsinniger auf uns zu. Ein ziemlicher Bulle, der gewaltbereiter wirkt, als der erste, offensichtlich religiös motivierte Fanatiker. Er brüllt irgendwas und wirbelt mit den Fäusten. Jetzt bin ich froh, dass wir das Transparent halten, denn damit kann man sich solche Einzelkämpfer besser vom Leib halten und seine Ausholversuche zielen ins Leere. Wieder ein Trupp von Polizisten, die ihn übertrieben gewaltsam festnehmen und alle Kameras stürzen sich drauf. Möglicherweise will man auch genau solche Bilder generieren, von “Vaterlandsliebenden”, die dann als Opfer abgeführt werden.

Wir marschieren weiter. Plötzlich knallt es links von uns. Anscheinend kommen einzelne aus dem Mob jetzt näher und werfen Knallkörper. Noch ein Polizeieinsatz. Wieder so ein bulliger Typ, der nicht aufhört, sich zu wehren und permanent gegen das Polizeiauto trommelt. Ich vermute er will seinen Kollegen da draussen, die ja nicht sehen, wo unsere komplett abgeschirmte Truppe gerade ist, verklickern, dass er uns gefunden hat. Jetzt steigt die Nervosität dann doch. Dann heisst es, wir sollen jetzt zügig nach rechts (in den Park). Dort stehen unsere Busse schon wieder bereit. Jetzt gilt’s nochmal, denn nach Einschätzung der Menschen vor Ort ist vor allem das davonkommen noch mal ein kniffliger Punkt.

Als wir alle flugs in unsere Busse gesprungen sind, wird rasch durchgezählt und schon geht’s los. Diesmal wirklich verdammt schnell und nach ein paar Kurven sind wir schon auf irgendeiner Autobahn. Vorne und hinten wieder Blaulicht. Wir wechseln die Klamotten. Nach und nach zweigen all unsere Busse ab und auch die Polizeistreifen verschwinden plötzlich. Mit unglaublich vielen Kurven (drei Mal so lang wie bei der Hinfahrt) fahren wir zurück und werden diesmal nicht am President Hotel abgesetzt, sondern an einem anderen, noch größeren Hotelkomplex in der Nähe, auf dessen Parkplatz man nur kommt, weil eine Schranke geöffnet werden muß.

Aussteigen. Ausatmen.

Noch ist keine Zeit, sich in die Arme zu fallen. Schnelle Verabschiedungen, wieder in kleine Gruppen (Hetero-Pärchen) zerfallen und möglichst schnell nach Hause heisst jetzt die Ansage. Wir bedanken uns bei unseren Volunteers. Sie sagen: no, thank you! Beim Abmarsch ist in meiner Kleingruppe auch noch Kyrill von der Heinrich-Böll-Stiftung dabei und wir versuchen das Ganze einzuschätzen. Er sagt: es ist ein voller Erfolg. Es habe noch nie eine derartige Medienbeachtung des Themas oder für den Versuch eines gay prides gegeben.

Aber was heisst hier Versuch? Er hat stattgefunden!

Nach und nach wird uns die historische Dimension bewusst, die dieser Tag für diese Region in der Tat haben könnte. Uns Westlern mag das komisch erscheinen, aber wir haben die Lebensbedingungen der Menschen hier in den letzen Tagen kennengelernt, und für die Schwulen und Lesben ist es ein gewaltiger Sieg. Und wie viel Mut sie dabei zeigen: sie sind die eigentlichen Held/innen des heutigen Tages, denn ihre Gesichter sind jetzt landesweit bekannt und durch alle Medien gegangen. (und damit werden sie von den Rechten quasi “steckbrieflich” gesucht). Und als wir zu Hause ankommen, werden wir darüber informiert, dass tatsächlich große Gruppen gewaltbereiter Homophober durch die ganze Stadt ziehen. Wir sollen die nächsten Stunden auf keinen Fall rausgehen. Möglicherweise wird auch die ursprünglich geplante Abschlussparty heute abend abgesagt… 

Ein Wermutstropfen, aber nur ein klitzekleiner. Auch Kyrill meint, wir hätten den Menschen hier Mut gemacht und unsere Anwesenheit sei verdammt wichtig gewesen. Und er bittet uns, unbedingt weiter zusammenzuarbeiten und zusätzliche Austauschprogramme und -projekte zu entwickeln. Nichts werden wir lieber tun, wir haben diese tapferen Menschen tief in unser Herz geschlossen.

Und ein letzter Dank muss hier nochmal an die Menschen von Amnesty International gehen, die das gesamte Sicherheitskonzept entwickelt und auch organisiert haben. Alle Demo-Ordner waren von ihnen. Und alles was sie sich überlegt hatten, macht im Nachhinein Sinn, auch wenn wir vorher an dem ein oder anderen Punkt zweifelten. In der Innenstadt wäre es wahrscheinlich unmöglich gewesen, diesen Massen gewaltbereiter Hooligans vollzählig und heil zu entkommen. Jetzt hoffen wir für den restlichen Tag nur noch, dass auch die “Safari” ohne Opfer bleibt, dann stossen wir heute abend über alle Grenzen hinweg an und geniessen in Ruhe das Endspiel der Champions League.

Kommentare

  • jacky schreibt am 25.05.13

    Hey Thomas,

    Grossartig dein Bericht! Danke!
    Bin sehr froh, dass ihr alle heil durchgekommen seid.
    Grüsse an Naomi, Barbara und dich aus München.

    Jacky

  • eleni schreibt am 25.05.13

    hallo thomas, ich habe gänsehaut bekommen beim lesen deines berichtes. alle achtung und bewunderung für euren einsatz und mut aller. vorallem der ukrainerInnen, die nach eurer abreise weiter in diesem land leben müssen. liebe grüsse eleni

  • Peter Fleming schreibt am 25.05.13

    Vielen Dank noch mal für die ausführliche Berichterstattung und wirklich toll dass Ihr das trotz aller Widrigkeiten durchgeziehen konntet! Liebe Grüße. Peter

  • florian sellmeier schreibt am 26.05.13

    hey thomas,
    danke für deinen bericht und vor allem für deinen mutigen einsatz … ich bin sehr erleichtert, das dir, der münchner deligation und den ukrainischen demostranten nichts schlimmes passiert ist. im gegenteil: es ist ein vlt. ein historischer anfang. wir sollten alle nachdenken, wie wir unsere freunde in kiew in zukunft unterstützen können.
    liebe grüsse florian

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